Der Umgang mit und die Achtung vor dem Alter
Man könnte das Gefühl bekommen, dass sich in der heutigen
Zeit alles, aber auch wirklich alles auf einen Geschäftsplan reduziert. Und
wenn alle Beobachtungen und Ereignisse zusammengeführt werden, kommt man zu dem
Schluss, es ist wirklich so.
Im Zusammenhang mit dem Alter und dem Umgang mit den
Alternden kann dies besonders gut beschrieben werden. Die Unterschiede der
Versorgungslage in den verschiedensten Heimen einer Großstadt wie Berlin, die
Unterschiede in der Art der Unterbringung und die Unterschiede in der
Betreuungsintensität spiegeln in trauriger Weise die Entwicklung einer in
Schichten untergliederten und auf Gewinnmaximierung trainierten Gesellschaft.
Alle Heime sind Zertifiziert, alle Heime werden
kontrolliert, alle Heime arbeiten mit dem sogenannten Qualitätsmanagement. Also
ist die Welt in Ordnung.
Wie überall erfolgen Kontrollen nach vorangegangener
Information der betroffenen Heime. Das dies zu allen möglichen Vorbereitungen
führt, die dem Kontrolleur den Idealzustand vorspiegeln sollen, dass dem
Kontrolleur wohlgesonnene, mehr oder weniger rüstige Rentner als
Gesprächspartner in den Weg geschoben werden und die Rute der Hausbegehung
meist von den Angestellten und nicht den Kontrolleuren bestimmt wird, das
gehört wie in vielen Bereichen der Wirtschaft auch, zur gängigen Praxis. Wer
hat schon Lust auf Negativberichte und Mehrarbeit. Der Feierabend ruft alle
Beteiligten.
Stinkende Schmutzwäsche, aufbewahrt in den sogenannten
Gesundheits- oder Pflegebädern der Heime sind eine der abartigen Auswirkungen,
wenn statt an Wäscheräume zu denken, jeder Quadratmeter als Wohnfläche für
geldbringende alte Menschen genutzt wird. Der strenge Geruch in vielen Heimen
ist der Gradmesser für den Pflegezustand der Häuser.
Ansteckende Krankheiten, Durchfälle und Ausschläge sind die
ständigen Begleiter der zu Pflegenden und des Pflegepersonals. Die Erreger
kommen natürlich nicht nur in den Heimen vor, sie kommen mit Patienten aus den Krankenhäusern,
teilweise sicher auch aus nicht ausreichend auf Desinfektion achtende
Wäschereien, Besucher und Angehörige bringen sie mit oder das Pflegepersonal
von abteilungs- und hausübergreifenden Tätigkeiten. Erstaunlich ist, dass es
Einrichtungen gibt, die besonders dauerhaft und immer wieder von diesen
Krankheitserregern betroffen sind. Da alle modernen Einrichtungen mit dem
Qualitätsmanagement arbeiten sollte es möglich sein, die Herde zu
identifizieren und zu bekämpfen. Aber das Leben richtet sich nicht nach
festgeschriebenen Regeln. Die Menschen handeln am Ende doch nach ihrem Muster
und sie verdrängen.
Bewegung und Unterhaltung, wer Angehörige hat und selbst im
Heim mobil ist und das Glück hat auf gleichgesinnte Hausgenossen zu treffen ist
klar im Vorteil. Ja, es gibt das Mindestmaß an vorgeschriebenen
Beschäftigungsminuten für Bewohner. Ob Fahrstuhlausfahl oder
krankheitsbedingter Personalmangel, über 365 Tage des Jahres kann es zu vielen
Einschränkungen dieses vorgeschriebenen Musters kommen. Meine Großmutter wurde
in einem Heim mit unzureichender Flüssigkeit versorgt. Sie wäre fast daran
gestorben, wenn es den Angehörigen nicht aufgefallen wäre. Wie viele Menschen
sterben schon an unzureichender oder falscher Versorgung? Wir wissen es nicht!
Wir werden es auch nicht erfahren, gestorben aus Altersschwäche ist ein
alltäglicher Fall, der keiner weiteren Untersuchung bedarf.
Was wir wissen ist, wie sich die Gesellschaft verändert. Wie
Gruppen die Meinung vertreten, dass man Bürgern ab 60 Jahren keine besondere
Aufmerksamkeit im Hinblick auf die gesundheitliche Versorgung mehr zukommen
lassen muss. Wir wissen, dass Personalreduzierung in der stationären Pflege
genauso zum Alltag gehört, wie in jedem X-beliebigen Betrieb. Wir wissen, dass
dies eine Konzentration auf die Kernaufgaben des Pflegepersonals bedeutet,
deren Erfüllung unter ständigem Zeitdruck erfolgen muss. Wir wissen auch, dass
damit eine persönliche Hinwendung zu jedem einzelnen menschlichen Wesen in den
Pflegeeinrichtungen kaum noch möglich ist. Wir wissen, wie sich die
Gesellschaft im Hinblick auf den sozialen Zusammenhalt entwickelt, wie sich
teilweise schon Familien auseinandertreiben lassen, vom ewigen Druck des
Erfolges und der Anziehungskraft des Geldes. Die Kirche fängt schon an, in diese
Richtung zu predigen. Dass sie kaum noch jemanden erreicht ist ihr eventuell
bewusst, dass es zu spät ist, sollte ihr klar sein.
Die Kirchen konnten zwar ihren Beitrag zur Vernichtung des
kommunistischen Systems leisten, als Nagel im Fleisch des Staates, sie konnten
in jedem Fall und über die Jahrhunderte Dinge in Bewegung setzen, deren
Endergebnisse sie allerdings oft nur als Beobachter bestaunen konnten. Alle
Versuche, negative gesellschaftliche Entwicklungen aufzuhalten scheiterten
kläglich.
Die Verantwortung liegt also wieder bei der Gesellschaft,
die Entwicklungen zu beeinflussen. Sollte das Gute in der Welt siegen, wird die
Sonne für alle wieder scheinen, hat der Gott aller Menschen sicherlich ein
Lächeln im Gesicht.
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